Was es bedeutet hochsensibel zu sein und wie kann ich mit dieser Veranlagung leben? [Gastbeitrag]

Hochsensibilität

Dies ist ein Gastbeitrag von Oliver Domröse von simplyfeelit.

Gleich zu Beginn möchte ich mit geläufigen und leider weit verbreiteten Vorurteilen gegenüber dem Phänomen Hochsensibilität aufräumen: Es handelt sich dabei um keine Krankheit, keinen Makel, keine psychische Störung oder in irgendeiner Weise therapiebedürftigen Zustand. 

Sehr wohl kann es aber sein, dass es bei einer fortdauernden Verleugnung dieser natürlichen Veranlagung mit all ihren Ausprägungen, es zu diversen körperlichen und psychischen Störungen kommen kann. Ganz einfach deshalb, weil es auf Dauer ungesund und schädigend ist, sich gegen einen wesentlichen Anteil seiner Persönlichkeit zu sperren.

Was genau ist Hochsensibilität?

In einem Satz: Hochsensibilität ist eine angeborene Variation in der Gestaltung und Ausprägung des Nervensystems. Was wiederum vielfältige Auswirkungen und Merkmale mit sich bringt.

Der Begriff wurde in den 90er Jahren von der renommierten Psychologieprofessorin Elaine N. Aron geschaffen. Sie leistete eine wahre Pionierarbeit auf diesem Gebiet. Bis dahin war das Phänomen Hochsensibilität nämlich noch gänzlich unbekannt und Betroffene mit einer erhöhten Reiz- und Wahrnehmungsfähigkeit wurden entweder als neurotisch oder zu empfindsam abgetan. Aron fand in Hunderten von Seminaren und Einzelsitzungen heraus, dass es bei Hochsensibilität um keine behandlungsbedürftige Erkrankung handelt. Sie führte eigene Forschungsarbeit durch und wertete in großem Umfang psychologische Wissenschaftsliteratur aus, die sich im weitesten Sinne mit diesem Persönlichkeitsmerkmal beschäftigte, wenn auch unter einem anderen Verständnis der Zusammenhänge.

Dieser Pionierarbeit von Elaine N. Aron verdanken wir heute den Begriff Hochsensibilität und einem neuen Verständnis dieses Persönlichkeitsmerkmals.
In diesem neuen Zusammenhang verstehen wir heute Hochsensibilität als eine im Vergleich zu der Mehrheit der Menschen deutlich erhöhte Empfindlichkeit gegenĂĽber äuĂźeren und inneren Reizen, bedingt durch ein angeborenes, besonders leicht erregbares Nervensystem. Dies bringt eine Reihe von Auswirkungen mit sich. Hochsensible besitzen eine subtilere, feinere, umfangreichere und intensivere Wahrnehmung – unabhängig davon, ob es sich dabei um Sinnesreize oder emotionale EindrĂĽcke handelt. Daraus ergibt sich eine ausgeprägte FeinfĂĽhligkeit und eine erhöhte emotionale Reizbarkeit.

Aufgrund der vermehrten Wahrnehmung von all diesen EindrĂĽcken, sind Hochsensible schneller erschöpft. Die aufgenommen Informationen wollen auf einer tiefen und komplexen Ebene verarbeitet werden. Das Erlebte klingt länger in unserem Nervensystem nach. GefĂĽhle, EindrĂĽcke und Gedanken wollen nachgespĂĽrt und verdaut werden. All dies benötigt Zeit und vor allem Ruhe. Deshalb neigen Hochsensible schneller zu einer ReizĂĽberflutung und benötigen öfters und weitaus frĂĽher eine RĂĽckzugspause in besonders stimulierenden Situationen. Solche (ĂĽber) stimulierende Situationen können eine volle U-Bahn, eine Shoppingtour am Samstagvormittag, ein Musikkonzert oder ein anstrengendes Gespräch sein. 

Hochsensibilität ist ein fest verwurzeltes und unabänderliches Persönlichkeitsmerkmal. Genau aus diesem Grund ist es reine Zeit und Energieverschwendung, als Betroffener dagegen anzukämpfen oder weghaben zu wollen. Es wird davon ausgegangen, dass ca. 15 – 20 Prozent der Menschen – Männer wie Frauen – im Besitz einer hochsensiblen Veranlagung sind.

An welchen Merkmalen lässt sich eine Hochsensibilität erkennen

Bei den meisten Hochsensiblen führt das Erkennen und Akzeptieren dieser Veranlagung zu einer großen Erleichterung. Es kann geradezu eine Offenbarung sein, die zu einem grundlegend neuem Lebensgefühl führt.

Endlich muss ich mich nicht mehr rechtfertigen, mich nicht mehr verstellen. Ich bin nicht psychisch krank, zu empfindlich, zu mimosenhaft, nicht belastbar. 
Ich bin lediglich im Besitz einer sehr feinen und nuancenreichen Wahrnehmung, bedingt durch ein ausgeprägtes Nervensystem, und nehme dadurch viel mehr Informationen und Details auf als die Mehrheit. Dies bringt Licht- und Schattenseiten mit sich, mit denen ich lernen kann, umzugehen.

Ich erinnere mich an meine eigene „Offenbarung“. Diese war im Sommer 2014. Ich befand mich in einer Sinneskrise und suchte nach neuen Antworten. Dabei fiel mir das Buch „Zartbesaitet“ von Georg Parlow in die Hände. Schon nach der Lektüre der ersten Seiten war ich baff. In jedem zweiten Satz erkannte ich mich wieder, machte Unterstreichungen und Markierungen. Woher kennt mich dieser Mann? Er schreibt über mein bisheriges Leben, dachte ich. 

Ich machte einen Onlinetest, der ziemlich eindeutig ausfiel. Ich forschte weiter im Internet, fand einen Gesprächskreis für Hochsensible in meiner Nähe. Las ein weiteres Buch über Hochsensibilität. Ich konnte diverse Ereignisse und Zusammenhänge der letzten Jahre, die mir bis dato vollkommen unverständlich waren, ganz neu verstehen. Warum ich mehr Zeit für Entscheidungen benötigte, mich volle Supermärkte seit jeher stressten, mir tiefe und intensive Gespräche so lange nachhingen.

Dieses Erkennen und Annehmen eines wesentlichen Anteils in mir, führte zu einem neuem Selbstverständnis, zu mehr Selbstvertrauen und Akzeptanz.
Ich war nicht verkehrt oder schräg, sondern nur etwas ausgeprägter in meiner Wahrnehmung und der daraus resultierenden längeren Verarbeitung von inneren und äußeren Reizen.

Es gibt kein klinisches Diagnoseverfahren, welches zweifelsfrei eine Hochsensibilität feststellen kann. Letztlich kommt es auf deine eigene Einschätzung an, die über hochsensibel oder nicht-hochsensibel sein entscheidet. Bücher und Austausch mit anderen Hochsensiblen können dabei unterstützend wirken.

Die nachfolgenden Fragen können eine erste Einschätzung geben:

  • Hast du schon unzählige Male in deinem Leben Sätze gehört wie „Stell dich nicht so an“, „Sei doch nicht so empfindlich“, „Was hast du jetzt schon wieder“, „Du machst es aber kompliziert“.
  • Haben dich Eltern und Lehrer oftmals als scheu, schĂĽchtern oder gehemmt bezeichnet?
  • Gehst du mit groĂźer Vorsicht und Umsicht durch dein Leben?
  • Meidest du wenn möglichst groĂźe Menschenansammlungen und GroĂźveranstaltungen (Konzerte etc.)?
  • Stresst es dich ungemein, wenn es um dich herum hektisch und turbulent zugeht?
  • Bist du sehr aufmerksam und reaktionsschnell?
  • Bist du sehr schreckhaft und leicht zu irritieren?
  • Träumst du sehr lebhaft und erinnerst dich oft daran?
  • Nimmst du Dinge sehr genau, legst Wert darauf, genau zu differenzieren?
  • GenieĂźt du eine Augenweide, einen Wohlgeruch, ein sinnliches GefĂĽhl, ein Wohlgeschmack?
  • Legst du groĂźen Wert auf Ordnung und Sauberkeit?
  • Bist du in mancherlei Hinsicht kreativ? Geschickt mit den Händen?
  • Fällt es dir manchmal schwer, was andere als SpaĂź halten, zu verstehen? Insbesondere wenn es auf Kosten von anderen geht?
  • Kannst du leiseste GemĂĽtsregungen bei anderen erspĂĽren?
  • Nimmst du Dinge und Aussagen sehr schnell persönlich? FĂĽhlst dich leicht angegriffen und gekränkt?
  • StoĂźen dich Filme mit Gewaltszenen grundsätzlich ab? Gehen dir danach diese Bilder tagelang durch den Kopf?
  • Hast du ein feines GespĂĽr fĂĽr deinen Körper? Bemerkst du die kleinsten Anzeichen fĂĽr eine Erkrankung?
  • Bist du sehr wissbegierig, lernfreudig und neugierig? Möchtest ständig deinen geistigen Horizont erweitern?

Es geht nicht darum, dich in all diesen Fragen wiederzuerkennen. Jede Ausprägung von Hochsensibilität ist anders. Es geht eher um ein Gesamtgefüge von verschiedenen Aspekten, die eine Hochsensibilität erkennen lassen. Es hängt auch nicht von einer zweifelsfreien Feststellung einer Hochsensibilität ab. Wenn du mit dem Begriff etwas anfangen kannst, du damit in Resonanz gehst, du dich durch die Fragen angesprochen fühlst, dann kann es sich für dich lohnen, dich näher damit auseinanderzusetzen.

Umgang mit Hochsensibilität

Damit diese Veranlagung, oder Begabung, zu einem Geschenk für dich und andere wird, solltest du lernen, mit den bereits erwähnten Licht- und Schattenseiten umzugehen. Was nichts anderes heißt, als dich mit deinen Stärken und Schwächen achtsam und wertschätzend auseinanderzusetzen.

Zu den Schattenseiten einer Hochsensibilität können gehören:

  • die groĂźe Abhängigkeit von den Umgebungsbedingungen fĂĽr das eigene Wohlbefinden
  • die ausgeprägte Lärm- und Geräuschempfindlichkeit
  • der schlechte Umgang mit Hektik und Stress um dich herum
  • die schnelle nervliche Erschöpfung durch ReizĂĽberflutung und Ăśberstimulation und ein dadurch bedingtes erhöhtes RĂĽckzugsbedĂĽrfnis
  • eine schnell eintretende Nervosität, wenn vieles gleichzeitig auf dich einströmt
  • die erhöhte emotionale Verletzlichkeit
  • die Schwierigkeit, dich konsequent von belastenden Situationen oder Menschen abzugrenzen
  • Entscheidungsschwierigkeiten aufgrund der Detailverliebtheit und dem hohen Anspruch an dich selbst (Perfektionismus)
  • die Beeinflussung durch GefĂĽhlsäuĂźerungen und Stimmungen von anderen.

Hochsensibilität wird dann eine Bereicherung für dein Leben, wenn du diesem Persönlichkeitsanteil in dir mit Liebe, Respekt und Verständnis begegnest.

Ähnlich wie einem kleinen Kind gegenüber. In vielerlei Hinsicht verhält sich dieser Anteil in dir wie ein Kleinkind (z.B. was schnelle Erschöpfung angeht).

Indem du lernst deine persönlichen Belastungsgrenzen achtsam wahrzunehmen und sie dann in einem zweiten Schritt im Laufe der Zeit immer mehr erweiterst. Dies ist durchaus möglich und aufgrund der vielseitigen Reize und Anforderungen in einem Alltagsleben sehr zu empfehlen. Des Weiteren indem du immer besser lernst, dich ganz bewusst und liebevoll von einem überstimulierenden Ort oder einem dich belastenden Menschen zurückzuziehen, egal ob das der Gewaltfilm im Kino ist oder der quasselnde Kollege in der Mittagspause.

Wenn du deine Hochsensibilität immer mehr zu schätzen weißt, können typisch hochsensible Eigenschaften wie die Fähigkeit zur tiefen Reflexion, Zusammenhänge herzustellen, besonnen und umsichtig vorzugehen, Verantwortung für sich und die Umwelt zu übernehmen und nicht zuletzt dem großen Einfühlungsvermögen bei Mensch und Tier, für dich und dein Umfeld zu einer wahren Bereicherung und Ergänzung werden. 

Auf diesem Weg zu dir wünsche ich dir viel Erfolg und Freude.


Ăśber den Autor von Simply Feel It

Simply Feel It Autorbild
Oliver ist Blogger & Veggi & Querdenker. Nach einer dreijährigen beruflichen Auszeit und den anschließenden Orientierungs- und Anpassungsschwierigkeiten, weiß er heute, wie er leben möchte: Frei und Selbstbestimmt. Und im Einklang mit seiner sensiblen Ader. Auf seinem Blog simplyfeelit schreibt er über gesunde Ernährung, Beziehungen, MannSein, Achtsamkeit, Minimalismus und Persönlichkeitsentwicklung.

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About corinnainkert

Ich bin das Gesicht hinter YogiInside und schreibe über meine eigene Yogareise und meine Ausbildung zur Yogalehrerin. Ich möchte, dass Yoga bei jedem und jeder im Kopf ankommt und zugänglich ist. Dazu findest du alles rund um Yoga & Meditation auf yogiinside.at.

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